Zierlich wirkt sie, nahezu filigran: Lina Ben Mhenni. Sie ist das Gesicht der tunesischen Bloggerinnen und Blogger, der Internauten. Nicht umsonst hat ihr die Deutsche Welle im April diesen Jahres den Blog-Award verliehen.
Das Gesicht der tunesischen Revolution
Eine Kämpferin ist sie. 28 Jahre jung, Dozentin für Linguistik und lebt mit einer Niere ihrer Mutter. Lina Ben Mhenni steht für die vielen Aktivisten der Internetgeneration. Während eines USA-Aufenthaltes hat sie mit ihrem Blog (www.atunisiangirl.blogspot.com) begonnen. Manche Sperrung, Repressalien, Demütigung und Verletzung hat sie für die Revolution in Tunesien hingenommen. Lina steht für den friedlichen, unermüdlichen Widerstand in ihrem Land. Sie weiß auch, dass ohne die Haltung der Militärs kein Sturz des Ben Ali-Regimes möglich gewesen wäre. Am 13. Januar 2011 weigerte sich der tunesische Generalstabschef auf Demonstranten zu schießen und auch der Chef der Nationalgarde ließ den Präsidenten nur einen Tag später fallen. Ohne diese Aktionen hätte sich der gewaltsame Terror des Regimes wahrscheinlich noch lange gehalten.
Die Kreativität Lina Ben Mhennis und ihrer Mitstreiter kannte auch in den Wochen des schlimmen Terrors keine Grenzen. Erwähnt sei nur die erste große Demonstration in Tunis am 22. Mai 2010. Sie wurde verboten. Es wimmelte von Polizei und Sicherheitskräften. So bevölkerten schlicht Tausende Demonstranten mit weißen T-Shirts die Cafés im Zentrum von Tunis. Viele solcher Beispiele aktiven Widerstands und Gegenwehr wären zu nennen. Getrieben vom „Hunger nach Gerechtigkeit“ wie sie selbst schreibt, nahm sie zahlreiche Entbehrungen auf sich und informierte fortwährend über Misshandlungen, Übergriffe und Gräueltaten.
Freiheit für Tunesien
Sie will ein „freies Elektron“ bleiben in einer Gesellschaft, die sich neu finden und definieren muss. Am 23. Oktober 2011 findet die erste freie und unabhängige Wahl in der Geschichte Tunesiens statt. Auch wenn dieses Land auf eine lange Verfassungstradition blicken kann (1857 wurde die erste Verfassung in einem arabisch-muslimischen Land ausgerufen), so wird diese Wahl von vielen Unwägbarkeiten begleitet. 106 (!) Parteien haben sich zur Wahl registrieren lassen. Das ganze Spektrum politischer Ziele und Ideale ist vertreten. Auch, und das macht die Wahl nicht einfacher, haben Parteigänger des alten Regimes Parteien gegründet. So führt ein enger Vertrauter von Ben Ali, der ehemalige Verteidigungs- und Außenminister, eine eigene Partei in die Wahl.
Gerade der Umgang mit den alten Machteliten verschärft die Diskussionen in dieser ersten nachrevolutionären Phase Tunesiens. Die daraus resultierende Wut und nahezu auch Ohnmacht derjenigen, die die Revolution auf den Straßen herbeiführten, ist verständlich. Anders als in Ägypten sind die alten Machtkader bisher straffrei ausgegangen. Das Vertrauen in Justiz und Sicherheitskräfte ist vor diesem Hintergrund verschwindend gering.
Auch die staatlichen Rundfunk- und Fernsehsender befinden sich immer noch in der Hand alter Eliten. Trotz großer Internetaktivitäten vieler Kräfte wird die öffentliche Wahrnehmung immer noch von alten Seilschaften dominiert.
Demokratietest für Tunesien
Die Wahl zur Verfassungsgebenden Versammlung am 23. Oktober 2011 wird aber auch von wirtschaftlichen und weiteren gesellschaftlichen Schwierigkeiten begleitet. Die Zahl der Arbeitslosen hat sich gegenüber 2010 um mehr als 700.000 erhöht, wobei der Anteil junger Hochschulabsolventen bei nahezu 50 % liegt. Der Tourismussektor hat Einbußen von mehr als 50 % erlitten. Vor diesem Hintergrund sind die fast wöchentlich in irgendeiner Branche stattfindenden Arbeitsniederlegungen ein Hindernis auf dem Weg der wirtschaftlichen Erholung.
Die Wahlen bezeichnet daher auch Lina Ben Mhenni als „ersten Schritt in die richtige Richtung“. Der Weg zur Demokratie in Tunesien sei noch sehr lang.
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