Wir sind das Volk!

Selten hat ein Satz seine Bedeutung auch noch nach mehr als 22 Jahren nicht eingebüßt. Immer wieder gerufen bei den Montagsdemonstrationen in der DDR ist diese Aussage im Lichte aktueller Krisen und umfassender Diskussionen von nahezu brennender Aktualität.

Es würde aber den vielen Menschen und den unterschiedlichen Gruppen die in der DDR aufbegehrten nicht gerecht, wollte man ihre friedliche Revolution einfach in die Gegenwart transformieren. Heute am Tag der Deutschen Einheit gilt es daher besonders an diese zu erinnern. Viele sind in der gelebten Einheit Deutschlands vergessen. Aber, ohne all die Foren, Gesprächskreise, Predigten (ja! Auch die Kirchen haben mit engagierten Geistlichen ihren Beitrag geleistet), Märsche und eben jenen Montagsdemonstrationen, die wie eine immer stärker werdende Welle über das Land rollten, gäbe es heute nichts zu feiern!

Natürlich hat sich Deutschland in dieser Zeit verändert. Es gibt neue Herausforderungen und auch Probleme, die noch nicht bewältigt sind. Unmut wird durch geringe Wahlbeteiligungen oder auch Protestwahlen wie jüngst in Berlin (Piratenpartei) deutlich.

Die von Michail Gorbatschow gewünschte (und auch für die sowjetische Lage notwendige) Perestroika machte vielen Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik Mut zum Bekenntnis. Der Rüstungswettlauf zwischen Ost und West, Solidarnosoc, ein polnischer Papst und veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen gehören sicher zu den mittel- und langfristigen Vorausetzungen für diese Wende. Letztlich aber auch die ungeheuerlichen Fälschungen bei der Kommunalwahl in der DDR sowie die Haltung der Staatsführung zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking am 04. Juni 1989. Gleichzeitig nahm das Ausreisebedürfnis vieler Menschen ungeahnte Größenordnungen an. All dies führte zu einer außergewöhnlichen Mobilisierung der regimekritischen Bürgerinnen und Bürger. Wollten Sie einen neuen Staat? Gar die Wiedervereinigung? Sie wollten Freiheit, Respekt, Zukunft!

Sie wollten Mauern einreißen – die Mauer! Der Tag des Mauerfalls ist daher für die neuere europäische Geschichte das markante Datum! Es ging um die Überwindung äußerer Grenzen (eben der Mauer), aber auch um das Niederreißen von Blockade, Denkverboten, Ausspitzelung, Unrecht und Versorgungsengpäßen.

Aus zwei Deutschen Staaten wurde einer. Zwei unterschiedliche Systeme fügten sich zusammen. Willy Brandt sagte einmal „Es wächst zusammen, was zusammengehört.“ Der 03. Oktober ist kein willkürlich gewähltes Datum. Es war der erste Tag nach all den internationalen Konferenzen und den vorausgegangenen Beschlüssen der Parlamente. So lag es nahe, diesen Tag als den Tag für die rechtliche Vollendung der Deutschen Wiedervereinigung zu wählen. Der ursprünglich vorgesehene 09. November – Tag des Mauerfalls – scheiterte an seiner historischen Belastung (u.a. Reichskristallnacht).

Am 03. Oktober sollten wir immer wieder an den Mut vieler Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik denken. Ohne diese gäbe es keine Deutsche Einheit. Der Mut und das Bekenntnis vieler Einzelner sind die Basis einer Revolution. Vielleicht brauchen wir gerade jetzt wieder mehr von diesem Mut und diesem Bekenntnis. Denn: „Wir sind das Volk!“

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*